Die absolute Wahrheit gibt es nicht

Auch Thelemiten stehen immer wieder vor der Herausforderung zu entscheiden, welche Themen und Modelle der Welt brauchbar sind und welche nicht.

Womit lohnt es sich zu beschäftigen, was ist sinnvoll, was nicht?

Bei der leichten Zugänglichkeit zu Informationen aller Art heutzutage habe ich immer wieder die Qual der Wahl. Mehr noch, es ist eine echte Herausforderung für mich geworden, solche Entscheidungen zu treffen. Heute kann jeder der will ein Buch schreiben und veröffentlichen, von Artikeln und Videoclips ganz zu schweigen.

Diese Vielfalt ist einerseits toll, denn es gibt Informationen zu fast jedem Themen, von dem man früher nicht mal träumen konnte. Anderseits stehe ich wie alle anderen Menschen auch vor der Frage, wie selektieren. Die eine absolute Wahrheit ist, wenn es sie denn je gab, Geschichte.

Heilsversprechen wohin das Auge blickt

Wenn ich im Netz nach einem bestimmten Thema suche, stoße ich oft auf Anbieter, die behaupten, die einzig und allein richtige Lehre und Lösung anzubieten. Das ist de facto ein Anspruch, welcher als absolute Wahrheit verkauft wird.

Die Themenbereiche sind vielseitig und beziehen sich auch nicht immer auf spirituelle Themen. Der eine verkündet, die einzig wahre Yogaübung als Heilungsversprechen gegen Rückenschmerzen zu haben. Der andere verkauft sein Ernährungskonzept als den einzig wahren Weg zum Abnehmen. Der dritte kennt den garantiert richtigen Weg zur Erleuchtung für jedermann.

Ganz krass findet man diese Haltung in die Werbe-Branche.

Werbe-Tricks sind sehr geschickt darin, uns dazu zu bewegen etwas Spezielles zu kaufen, sei es eine Mitgliedschaft, ein Produkt, einen Kurs. Ganz übel wird es, wenn der Anbieter dann auf Ängste von Menschen appelliert. „Macht das nicht so, das ist ganz gefährlich….“, „Nur so ist das richtig…“, „Nur diese Methode ist erfolgreich…“ Da wir Menschen dazu tendieren, sichere Weg zu wählen, kaufen dann viele ein Produkt, nur um auf der sicheren Seite zu sein. Konzepte nach dem Motto „absolute Wahrheit“ haben nach wie vor Erfolg.

Falsches Modell der Welt oder absolute Wahrheit?

Keine Frage, es gibt viele brauchbare Modelle. Ist es aber so einfach, dass wir sagen können, dass es ein wahres Modell der Welt gibt und viele falsche daneben?

Hm, das kommt darauf an, was man unter Wahrheit versteht. Man verwendet, oft ohne es zu wissen, eine zweiwertige Logik, wenn man den Begriff wahr oder den Begriff falsch verwendet. Diese Logik besagt, dass eine Sache entweder wahr oder falsch sein kann, aber nicht beides. Entweder existiert Gott oder er existiert nicht. Wenn der christliche Gott existiert, und er der einige Gott ist, dann müssen also die anderen Religionen falsch sein. Wer falsches verkündet, lügt folglich oder irrt in seiner Verblendung umher.

Mit so einer Weltsicht ist die Welt entweder schwarz oder weiß. Aber ist die Welt wirklich so einfach aufgeteilt in schwarz und weiß? Nein, natürlich nicht, die Welt in der wir leben, ist bunt, wie jeder sehen kann.

In vielen Bereichen des Lebens ist uns das auch klar. Wir wissen alle, dass die Wahrheiten von einst nicht mehr so einfach über allem stehen. Es gibt zum Beispiel in unserem heutigen Verstehen nicht mehr nur Mann und Frau, sondern auch diverse Menschen, sowohl Mann als auch Frau oder weder Mann noch Frau.

Absolute Wahrheit – die Grenzen von wahr oder falsch

In viele Situationen brauchen wir selbstverständlich die zweiwertige Logik. Wenn wir zum Beispiel ein Haus bauen wollen, ist es wichtig, dass wir uns auf Tatsachen beziehen. Wir wollen ja genau berechnen können, wie wir vorgehen wollen und müssen uns drauf verlassen, dass alle Angaben stimmen. In vielen Situationen im Leben, vor allem was die persönliche Entwicklung betrifft, sieht es doch etwas anderes aus.

Letztendlich ist es oft ziemlich nutzlos, darüber zu streiten, was richtig oder wahr ist. Ein Modell beleuchtet ein Thema aus einem bestimmten Blickwinkel. Ein Modell kann mir z.B. helfen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder etwas besser zu verstehen. In besten Fall ist es so, dass es in mir eine Idee auslöst, was ich in meinem Leben verändern kann. Dieser neue Durchblick gibt mir manchmal einen Impuls etwas zu tun oder hilft mir vielleicht, einen anderen Menschen besser zu verstehen.

Manchmal kann ich aber keinen persönlichen Bezug zu einem Modell herstellen. Ich sehe keine neue vorteilhafte Perspektive, die ich in Relation zu mir selbst und meinen Zielen setzen kann. Wenn ein Modell mir keinen Impuls gibt, weil ich damit nichts anfangen kann, dann ist es für mich nicht relevant. Ob dieses Modell nützlich ist, oder „wahr“ ist, kann ich dann oft auch gar nicht beurteilen. Zudem heißt das dann ja auch nicht, dass andere Menschen keinen Gewinn aus den angebotenen Perspektiven generieren könnten.

Alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr

Im Liber L vel Legis heißt es im Vers I:56: “… Alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr, außer dass sie nur ein wenig verstehen…“

Für mich trifft dieser Vers das Thema auf den Punkt. Viele Religionen haben interessante Modelle der Welt, bei denen es sich lohnen kann, sich in sie zu vertiefen. Pervers wird es aber, wenn solche Ideen als absolute Wahrheit bzw. als Dogmen verstanden und verkauft werden. Was nach wie vor viel zu oft passiert ist, dass bestimmte Perspektiven einen allgemeingültigen Stempel bekommen und als Wahrheit verkündet werden. Und gerade diesen Fehler begehen die meisten, wenn nicht alle monotheistischen Religionen.

Sie beanspruchen, die alleinige Wahrheit in Besitz zu haben, denn eben darauf beruht ihre Macht. Doch diese ultimative Wahrheit über Gott und die Welt gibt es nicht mehr. Mindestens halte ich solch eine Behauptung für eine unbrauchbare Perspektive.

Das gleiche Prinzip kann man auf andere, weniger allgemeingültig gemeinte, Modelle der Welt übertragen, Methoden zum Beispiel. Wie gesagt, können Methoden nützlich sein. Sie werfen ein Licht auf eine ganz bestimmte Art und Weise Probleme zu lösen, welche uns die Augen neu öffnen können. Ob dies wirklich geschieht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es hängt zum Beispiel davon ab, ob ich überhaupt einen Zugang zu dem Thema habe und inwiefern ich beurteilen kann, was an dem Thema dran ist.

Sind Modelle der Welt beliebig?

Nein, sind sie nicht. Wenn man mit dem Auto nach München fahren will, dann ist es erfolgversprechend, eine Karte zu nutzen, die den Weg dorthin zeigt. Eine Karte, auf der nur die Straßen rund um Hamburg verzeichnet sind, wird mir in diesem Fall nicht viel nutzen. Aber letztendlich sind immer verschiedene Routen Richtung München befahrbar.

Der eine verfolgt vielleicht das Ziel, so schnell wie möglich in München anzukommen und wählt die schnellste Route. Der andere möchte eine schöne Erlebnisreise machen und ein paar Freunde auf dem Weg besuchen und wählt eine längere Route. Der eine nimmt das Auto, der zweite den Zug.

Es ist sinnlos, sich über die absolute Wahrheit des allein richtigen Weges zu streiten, da die Bedürfnisse, die dahinter strecken, ganz verschiedene sein können. Aber es ist auch nicht beliebig, welchen Weg ich nehme. Wenn ich die falsche Karte in der Hand habe, werde ich vielleicht nie am Ziel ankommen.

Um zu beurteilen ob ein Modell der Welt sinnvoll ist, muss also der persönliche Kontext klar sein. Für wen ist was, wann, in Bezug auf welches Ziel sinnvoll?

Können Modelle veralten?

Natürlich können sie das, man denke nur an das Modell, dass die Sonne um die Erde kreise. Doch wenn es um Modelle als Wegweiser für die persönliche Entwicklung geht, stellen sich andere Fragen als die nach einer absoluten Wahrheit.

Welches Konzept hilft wem? Je deutlicher der Kontext und je mehr Informationen vorliegen, desto besser kann ich das beurteilen. Wichtig, um mal dem Zeitgeist zu widersprechen, ist nach meiner Erfahrung auch: Ein Modell, wie zum Beispiel die Rolle des Atmens für das emotionale Gleichgewicht muss nicht unbedingt neu sein um interessant und hilfreich für mich zu sein.

Es gibt sogar Ansätze antiker Denker, die überraschend und inspirierend wirken können, vielleicht ja deshalb, weil ich sie zum ersten Mal verstanden habe. Aber auch aus den Wissenschaften kommen immer wieder neue Ansätze in die Kommunikation. Die Komplexitätsforschung z.B. arbeitet mit Computer-Simulations-Modellen und liefert Ergebnisse, die auch für uns Thelemiten relevant sind.

Kompass für´s Leben

Es hilft also in jedem Fall, selbst zu prüfen, ob das Konzept einen Gewinn für mich bringt oder nicht. Dabei ist es weniger wichtig, ob das Konzept uralt oder superneu ist. Relevant ist, ob es mir hilft, etwas Neues zu verstehen und mich in die Richtung zu verändern, die ich im Sinn habe.

Werde ich dadurch handlungsfähig? Hilft mir das Modell, meine Ziele zu erreichen? Komme ich auf neue Ideen, inspiriert er mich? Manche Modelle eröffnen neue Wege, andere verschließen Wege. Was eröffnen und erschließt sich durch dieses Modell, frage ich also und was werden die Konsequenzen sein, wenn ich dieses Modell anwende? Für mich oder für die Gemeinschaft oder für die Welt? In was für einer Welt will ich letztendlich leben?

Das sind für mich sinn-relevante Fragen. Solche Fragen sind es, die mir einen Kompass geben, um beurteilen zu können, ob ein Modell für mich relevant und nützlich sein könnte oder nicht.

von Lysistra

Leidenschaftliche Tänzerin und Träumerin einer besseren Welt.

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