Tue was du willst

In dem Buch „Liber L vel Legis“, diktiert von Aiwass und niedergeschrieben von Aleister Crowley, finden wir den Vers „Tue was du willst, sei das ganze Gesetz“. Der Vers gilt als einer der Schlüsselverse des Buches, und wird von uns Thelemiten oft als Leitlinie für das Leben verstanden.

Der Anspruch, das zu tun was man will, ist ein Motto, das heutzutage nicht nur in thelemischen Kreisen Anklang findet, sondern ist ein Ideal von vielen Menschen geworden.

In diesem Artikel möchte ich darauf eingehen, was im thelemischen Kontext damit gemeint ist und wie wir feststellen können, inwiefern wir diesem Ideal tatsächlich folgen.

Wille im thelemischen Sinn

Das Liber L vel Legis fordert uns Menschen dazu auf, unser Leben nach unserem Willen auszurichten. Wie ist der Thelemische Wille zu verstehen und wie weiß ich überhaupt, dass ich einen Willen in thelemischen Sinn entwickelt habe bzw. lebe?

Woher weiß ich, dass ich nicht um den heißen Brei herum rede, sondern dass es sich tatsächlich um meinen Willen handelt? Es gibt mehrere Kriterien und Indizien, die anzeigen, inwiefern ein Mensch willentlich handelt oder nicht.

In diesem Artikel möchte ich auf einige dieser Kriterien eingehen, die mir persönlich als sehr wichtig erscheinen. Falls du eine allgemeine Abhandlung über den Willen erwartest, muss ich dich also enttäuschen. Gehen wir das Thema ganz alltäglich an…

Allgemein verstehen Menschen unter Wille, dass man sich eine Handlung bewusst vornehmen und diese realisieren kann. Menschen formulieren zum Beispiel ein Vorhaben oder ein Ziel und setzen es um.

Das können auch ganz kleine bewusste Tätigkeiten sein wie ein bestimmtes Buch durchzuarbeiten. Aber größere Ziele wie eine bestimmte Summe Geld jeden Monat zu verdienen oder eine bestimmte Anzahl an Kunden zu gewinnen, lassen sich willentlich ansteuern.

Für einen thelemischen Willen reicht das aber nicht aus. Dieser Wille steht in einem größeren Kontext und bezieht den ganzen Mensch und alle sein Lebensbereiche mit ein. Wir reden dann von Lebenszielen oder von einem persönlichen Lebensauftrag. Es ist ein Wille, der von tief aus unseren Inneren kommt, uns tief berührt, unser ganzes Leben prägt und ihm eine Richtung gibt.

Der Begriff „Berufung“ kommt diesem Willen sehr nah, obwohl sich der thelemische Wille eben nicht nur auf das Arbeitsgebiet bezieht, sondern auf die Ausrichtung unserer ganzen Wesenheit. Wörtlich übersetzt aus dem Griechischen bedeutet Thelema „schöpferischer Willen“. Er ist kraftvoll und inspirierend. Er gibt sowohl Klarheit als auch Orientierung und vor allem bereitet er Freude im Herzen.

Der thelemische Wille ist also etwas, durch das wir uns als Mensch „definieren“. Wille in diesem Sinne macht uns insofern erst zu dem was wir sind. Oder anders herum: Wir richten alles in unserem Leben auf unseren eigenen, aus der Tiefe kommenden, Willen aus.

So verstanden liegen viele Kriterien bereits auf der Hand, wie ich meinen schöpferischen Willen beobachten kann.

Tue was du willst – voller Lebenslust

Mit der Lust am Leben beginnt alles. Lust zum Lernen, Lust zum Lieben, Lust zum Leben. Interesse daran zu haben sich selbst und andere Menschen zu erforschen. Die Welt zu entdecken und neue Sachen zu lernen.

Wir kennen alle das Gegenteil: Menschen, die nichts anderes möchten als ihren Gewohnheiten zu folgen, „so wie es immer war“, Menschen, die es zu anstrengend finden, Ungekanntes zu erkunden und sich Gedanken über sich und die Welt zu machen. So wird es schwierig mit dem schöpferischen Leben. „Von nichts kommt nichts.“ lautet ein Spruch des antiken Dichters Ovid, der zu einem Sprichwort geworden ist.

Bei Kindern können wir diese Entdeckerlust, die ich meine, fast immer beobachten. Sie lernen schnell und spielerisch, unermüdlich erkunden sie alles, was sie umgibt und was für sie erreichbar ist. Und das wird ja mit jedem Tag mehr.

Aber wie sieht es dann oft in Laufe des Erwachsenwerdens aus? Sehr unterschiedlich. Die Lebensfreude geht vielen Menschen auf der Strecke verloren, Träume bleiben bloße Träume oder Erinnerung und viele Menschen werden nach und nach immer mehr enttäuscht, hölzern, müde oder einfach nur bequem.

„Der Tod o Mensch ist der verboten“,  ein anderer Vers des Buches Liber L vel Legis, bringt nach meinem Verständnis exakt dieses Thema auf den Punkt: Du darfst nicht innerlich sterben. Verliere nicht deine Lebendigkeit, lebe!

Tue was du willst – was fühle ich, wohin zieht es mich?

Der zweite Aspekt von „Tue was du willst“ bezieht sich auf unser eigenes Fühlen und Empfinden. Nehmen wir die Wichtigkeit einer bestimmten Richtung, in die es uns zieht, wahr? Fühlen wir, was uns berührt und wonach wir uns sehnen?

Etwas, das für uns so wichtig ist, dass wir ganz sicher sind, dass wir das tun wollen, dass es uns glücklich macht? Und können wir dabei in den Spiegel sehen und ja zu uns sagen?

Im Konzept der Heldenreise von Joseph Campbell wird dieser Drang in eine bestimmte Richtung, zu einer bestimmten Aufgabe, auch „der Ruf“ genannt. Ich will nicht behaupten, dass „der Ruf“ exakt das gleiche ist wie das Gefühl für seinen Willen, aber es geht in diese Richtung.

Das was ich mit Willensdrang meine, ist oft der erste Impuls und die Sehnsucht nach etwas Größerem, Schöpferischen. Ob ein Mensch solch einen Willensdrang fühlt oder spürt, kann er natürlich nur selbst feststellen. Aber andere Menschen werden beobachten können, dass ein Mensch, der solch einen Willensdrang spürt, Kraft und Freude ausstrahlt.

Ausschau halten | Foto von Edi Libedinsky auf Unsplash

Beobachtbare Handlungen als Kriterium für meinen Willen

„Tue was du willst“ bedeutet auch, dass aus dem Sehnen nach etwas Größerem, Schöpferischem, Handlungen folgen, dass wir anfangen, in die Richtung zu gehen, in die es uns zieht. Nur von großen Taten und Zielen zu reden oder von ihnen zu träumen reicht nicht.

Und ob wir Ziele auch erreichen, oder ob wir nur davon reden, kann man sehr gut beobachten. Frage deine Freunde, sie können dir das beste Feedback geben. Oder schreibe deine Ziele auf und auch das, was du dafür tust.

Und dann prüfe, inwiefern das, was Du tust zu dem passt, was Du dir als Ziel vorgenommen hast. Reflektion über sich selbst und sein Handeln hilft sehr, auch Tagebuch zu schreiben. Ich halte es sogar für notwendig.

Kontinuität – dran bleiben über lange Zeit

Bei kürzeren Aktionen kann man kaum feststellen, ob man willentlich handelt oder nicht, dafür braucht es einen größeren Lebenskontext und muss sich über einen längeren Zeitraum beobachten. Einen Roman zu lesen ist auch ohne „Tu was du willst“ möglich.

Erst wenn wir uns ein längerfristiges Ziel vornehmen, können wir beobachten, wie wir damit tagtäglich umgehen. Und wenn es Schwierigkeiten gibt erleben wir es hautnah: Geben wir dann auf oder suchen wir nach anderen möglichen Perspektiven und Handlungsalternativen?

Es ist eine Sache, sich spontan für etwas zu entscheiden und das dann auch durchziehen, und eine ganz andere, ein Ziel über lange Zeit zu verfolgen. Kurzfristig viel Power aufzubringen ist eine Fähigkeit, die manch einem helfen kann, sein Leben schöner und einfacher zu gestalten, keine Frage, doch das reicht nicht aus.

Wenn wir uns für eine größeres Ziel entscheiden, dann müssen wir anders ran gehen. Wir werden auch Phasen erleben, in denen es nicht so einfach weiter geht und auch Tätigkeiten erledigen, die uns vielleicht nicht von der Hand gehen.

Wenn wir dann trotzdem weiter gehen und einen Weg finden, dies alles zu bemeistern, sogar zu mögen oder zu lieben, erreichen wir eine andere Qualität von Willen – einen, der uns langfristig trägt. Wir lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen und diese sinnvoll zu lenken, und beginnen, unser Selbst zu gestalten.

Ein Kriterium ist also die Kontinuität. Der Wille wird erschaffen durch meine Erfahrungen und wird in Laufe der Zeit tief in meinen Herzen verankert. Ich finde, dass gerade diese bewusste und gewollte Kontinuität in unserem Leben das ist, was uns als Menschen ausmacht.

Einpunktigkeit – was könnte das sein?

Der nächste für mich wichtige Punkt ist Einpunktigkeit. Das bedeutet für mich einerseits, sich ein Leitziel als verbindliche Handlungsorientierung anzunehmen. In der Sprache des Liber L´s: 

„Der Zustand der Vielfältigkeit soll Gebundenheit und Ekel sein; so mit all deinem; du hast kein Recht als deinen Willen zu tun.

Nuit 42

Ich mache also nicht alles Mögliche, denn die Entscheidung für mein Leitziel gibt mir eine klare Orientierung für mein Handeln: Mit all meinen kleineren Ziele verfolge ich dieses Leitziel. Und ich kann begründen, weshalb ich so handle wie ich handle. Alle meine Entscheidungen ordne ich dieser grundlegenden Entscheidung unter. Das macht es auch leichter, andere Entscheidungen zu treffen, da alles weitere, was ich tue, sich auf diese Basis bezieht.

Einpunktigkeit bedeutet für mich auch, dass die „innere Haltung“ einpunktig sein muss. Um seinem Willen folgen zu können, ist es entscheidend, dass man sich auf das Wesentliche konzentriert. Sonst passiert es leicht, dass man sich immer wieder ablenkt. An „jeder Ecke“ lauern attraktive Angebote, was wir lesen, tun und kaufen können.

Wenn wir Input brauchen oder was Bestimmtes suchen, sind wir über die leicht zugänglichen Informationen und vielseitigen Anregungen froh. Aber wie unterscheiden wir Anregung von Ablenkung? Ds ist gar nicht so schwer: Je stärker ich meinen Willen schon entwickelt habe, desto leichter fällt es mir zu entscheiden, was willkommene Information und was Ablenkung ist.

Kohärenz – wenn alles zusammen passt

Kohärenz bedeutet, dass unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen mit einander in Einklang stehen. Ich denke, dass ist einer der springenden Punkte, um seinen Willen leben zu können. Nur dann, wenn Gedanken, Gefühle und Handlungen zusammen wirken, können wir von etwas 100 % überzeugt sein. Immer dann, wenn wir das erreichen, entsteht eine enorme Kraft und wir sind authentisch.

Woran lässt sich Kohärenz beobachten?

Wenn wir kohärent sind, erleben wir keinen „inneren Bürgerkrieg“. Dieser innere Krieg, ist ja ein Zeichen dafür, dass es widerstrebende Kräfte in mir gibt. Auf Dauer ist es anstrengend, mit diesen Widerständen zu leben.

Zugeben – ganz ohne innere Widerstände kann ich mir das Leben kaum vorstellen, denn uns begegnen ja fast tagtäglich neue Herausforderungen, die zu bewältigen sind. Aber wenn diese miteinander streitenden Kräfte aufgelöst sind, dann ist Handeln leicht und schön. Es gibt keinen Kampf mehr, sondern schöpferisches Handeln.

Herausforderungen gibt es natürlich immer noch, doch wir können leichter damit umgehen. Aber auch das ist gut, denn sie stellen Herausforderung dar, an denen wir wachsen können. Ohne Reibung oder Widerstand kann es sein, dass wir unaufmerksam werden und aufhören uns zu entwickeln.

Wenn wir die erlebte Widersprüche und Irritationen als Anlass nehmen, über uns selber zu reflektieren, können schöpferische Prozesse entstehen.

Bild von Sammy-Sander auf Pixabay

Selbstbestimmtheit – gar nicht so leicht

Unsere täglichen Handlungen können selbst- oder fremdbestimmt sein. Unter fremdbestimmt verstehe ich Handeln nach übernommenen Konzepten, Urteilen, Werten und Prägungen. Wir übernehmen sie von Eltern, Freunden oder aus der Kultur in der wir leben. Wir betrachten sie als selbstverständlich. So selbstverständlich, dass wir sie selten in Frage stellen.

Selbstbestimmt wird etwas, wenn wir es selbst reflektieren und entscheiden. Selbstbestimmtheit ist also begründet, nicht nur irgendwie aus der Luft gegriffen. Vielleicht ist Selbstbestimmtheit für viele ein besonders schwieriger Punkt.

Da es sich um Selbstverständlichkeiten handelt, entdecken wir oft nicht, wie viele unserer Konzepte übernommene sind. Um unseren Überzeugungen auf den Grund zu gehen, ist es wichtig, unsere Glaubenssätze zu erforschen und kritisch zu hinterfragen. Das ist natürlich mit Aufwand verbunden und fordert Engagement.

Was bedeutet Sinn?

Sinn bedeutet im Alltagsgebrauch, dass wir unserem Handeln eine tiefere Bedeutung zuordnen. Für gewöhnlich trifft dies zu, wenn das, was wir tun, uns interessiert und wenn es auch „anschlussfähig“ ist. Wir tun etwas, das bedeutend ist für uns selber, für andere oder für die Welt.

Sinn eröffnet uns immer weitere Handlungsmöglichkeiten. Was jemand für bedeutungsvoll empfindet, bzw. für sinnvoll empfindet, kann sehr, sehr, unterschiedlich sein. Dieser persönliche Sinn ist dem, was unseren Willen ausmacht, sehr ähnlich. Mit unserem persönlichen Sinn geben wir unserem Leben eine Richtung.

Wenn wir unseren thelemischen Willen leben, dann heißt das letztendlich, dass wir um unseren Lebenszweck als Mensch wissen und diesen verfolgen. Es ist eine persönliche Mission, die uns durch´s Leben leitet – der Sinn unserer Existenz. Er gibt uns Halt.

Zusammenfassung – tu was du willst

„Tu was du willst“ ist einer Aufforderung, unser Leben bewusst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Es geht darum, dass wir herausfinden, was wir aus ganzem Herzen wirklich wollen und dieses Leitziel in unserem Leben dann auch verfolgen.

Erst dadurch geben wir unserem Leben Bedeutung. Es ist unser eigenes Leben, ein vollständiges Leben, so wie wir es erschaffen haben und leben wollen, ein Leben das heil macht. Es ist ein Leben, das Sinn macht.

Dies (und einiges mehr) bedeutet für mich „Tu was du willst“.

Klingt dies alles sehr hoch gesteckt? Vielleicht. Das wichtige für mich ist auch nicht, das Ideal zu erreichen, sondern auf dem Weg zu sein. Im praktischen Leben können wir natürlich auch klein anfangen. Jeder Schritt auf dem Weg ist ein wichtiger Schritt! Im Laufe der Zeit erobern wir unser Leben, indem wir es bewusst zu unserem eigenen machen. Wir werden freudiger, bewusster, reflektierter, erfolgreicher.

Oder wie das Liber L vel Legis es ausdrückt:

„Erfolg ist dein Beweis!“

von Lysistra

Leidenschaftliche Tänzerin und Träumerin einer besseren Welt.

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